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Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?

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Ehemaliges Mitglied 1237
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Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« am: 23. Januar 2021, 23:22:17 »
Hallo an alle!

Mich beschäftigt seit einigen Tagen eine große Frage: Gibt es Tiere und Dinge die nicht trainierbar sind?

Habt ihr Erfahrungen machen müssen wo ihr das Handtuch werfen musstet? Wo ihr alles versucht habt, aber das Tier bei bestimmten Dingen nicht trainierbar war?

Ich frage, weil ich mich seit meinem Unfall mit Muli vermehrt frage, ob sie jemals so chillig wird, wie ich das für einen Spaziergang oder Ausritt bräuchte.

Oder gibt es einfach Tiere oder auch Mensch-Tier Paare wo es einfach nicht klappen kann? Egal aus welchen Gründen?

Freu mich über eure Erfahrungen.

liebst nao
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #1 am: 24. Januar 2021, 05:40:44 »
Hallo!

Meine Meinung, kann von anderen abweichen....

- es gibt keine untrainierbaren Tiere
- es gibt untrainierbare Dinge, wenn diese zu weit vom möglichen Verhalten abweichen. z.B. kann ich keinem Elephanten einen Sprung über 100cm beibringen. Oder Fische können keine Leitern steigen (wobei es Fische gibt, die Wände hochklettern, also ist dieses Beispiel mit Vorsicht zu geniessen :-) )

- es gibt Grenzen, die ein Tier und/oder ein Trainer zu einem bestimmten Zeitpunkt der Lernreise erreicht. Hier hilft dann oft Kontakt mit einem Trainer, der mehr Erfahrung hat.

- es gibt Verhalten, die eine lange Zeit brauchen, bis sie belastbar abgerufen werden können und es kann Rückschritte geben
Sabine
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #2 am: 24. Januar 2021, 06:39:15 »
Nachtrag:

es hilft Dir evtl. für Deine konkrete Situation, wenn Du Dich mal hinsetzt und genau aufschreibst, was für Dich im Ettikett "chillig" beinhaltet ist.

Welche Verhalten gehören zu "gechillt sein"? Sind diese Verhalten schon vorhanden? In welchen Situationen sehe ich dieses Verhalten bereits, wo muss es noch etabliert werden? Welche Verhalten fehlen noch? Wie trainiere ich diese?

Und auch mal den Unfall nochmal "anschauen" - ich habe nichts darüber gelesen, daher komplett freie Assoziation in Kombination mit eigenen Unfällen mit meinen Ponies: welche Anzeiger, dass entweder Muli oder Du Stress hatten, wurden ignoriert? Welche Anzeiger konnte man überhaupt sehen? Wie könnten diese Anzeiger in den Trainingsplan integriert werden, um zu einem z.B. Stop- oder Start-Signal seitens des Muli zu werden?

Welche Verhalten/Umweltreize waren beteiligt, an denen gearbeitet werden kann?
Sabine
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #3 am: 24. Januar 2021, 11:09:15 »
Zunächst mal würde ich Sabine in allem zustimmen.

Und ich würde auch den Ansatz aufnehmen, es aus der Generalisierung heraus zu nehmen und auf Euren konkreten Fall zu schauen - also nicht nach untrainierbaren Tieren oder möglichen Trainingsgrenzen an sich zu fragen, sondern nur auf das Muli und Dich zu schauen.

Da ist Deine Frage ja sehr klar: Wird das Muli je so "gechillt" (wobei ich mir darunter auch noch nicht vorstellen kann, was das genau meint), wie Du es brauchst, um mit ihr spazieren zu gehen oder sie gar auszureiten?

Es ist also mehr eine Frage nach Deinen (derzeitigen) Möglichkeiten und Fähigkeiten. Möglicherweise ist es so, dass Muli denen auf absehbare Zeit nicht entsprechen wird, das kann aus der Ferne niemand sagen. Aber zu gucken wäre ja danach, wie Du Deine Fähigkeiten erweitern kannst. Da hilft es auch, das zu tun, was Sabine vorschlägt, nämlich genau zu überlegen, was Muli denn an Verhalten sicher zeigen müsste, damit Du Dich draußen mit ihr sicher fühlst und die Situation handhaben kannst. Davon ausgehend kannst Du dann überlegen, ob Du das mit ihr trainieren könntest, ob Du dazu Hilfe brauchst oder ob es dann eben außerhalb Eurer gemeinsamen Möglichkeiten liegt, miteinander spazieren zu gehen. Was dann aber auch keine Feststellung für alle Zeiten sein muss.

Kurz gesagt: Möglicherweise passt Ihr derzeit an dieser Stelle, wenn es um spazieren gehen geht, nicht gut zusammen. Was aber erstens nicht heißt, dass das grundsätzlich und für immer so ist, und zweitens nicht heißt, dass Ihr an anderen Stellen nicht ein gutes Team sein könnt.

Solche Antworten sind leichter zu finden als die danach, ob es grundsätzlich untrainierbare Tiere gibt...
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Ehemaliges Mitglied 52
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #4 am: 24. Januar 2021, 11:11:02 »
Je nach Wesen/Charakter treten bestimmte Reaktionen in bestimmten Situationen vermehrt auf. In ein >hypersensibles, reaktives< Tier mußt du viel mehr Zeit reinstecken, damit es weitgehend >ruhig und gelassen< bleibt. Und die Wahrscheinlichkeit, daß beim Zusammentreffen ungünstiger Umstände die >Nervosität< wieder durchbricht, ist einfach immer noch gegeben.

Ob man da Zeit rein investieren will oder lieber ein Tier hat, das die innere Ruhe von selbst mitbringt, muß jeder für sich selbst entscheiden. Und ob man die Rahmenbedingungen so stecken kann, daß man sich dabei wohlfühlt (Sicherheit!), muß auch jeder für sich selbst entscheiden. Klar, ein passender Trainer kann da sehr hilfreich sein, und man kann dabei sehr viel lernen.

>Nicht trainierbar< bedeutet meistens (wenn das Tier prinzipiell körperlich und kognitiv in der Lage ist, das Verhalten zu erlernen), daß man keinen passenden Plan hat, nicht genügend Zeit, einfach keine Priorität in das Training dieses Verhaltens legt oder nicht genügend Erfahrung dafür(>Hilfe holen).

Wobei eben >chillig sein<, wie Sanhestar schon geschrieben hat, ja kein Verhalten ist.
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Ehemaliges Mitglied 1237
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #5 am: 25. Januar 2021, 15:52:58 »
Danke für eure Antworten. Mit chillig mein ist dass sie irgendwann gelassener reagiert und nicht überall immer so viele Gespenster sieht.  :lol: Oder ob so ein Tier immer sehr nervös bleiben wird  ??? ob es Pferde gibt mit denen man nie alleine spazieren gehen kann oder ob man das schon immer zu 100% irgendwie trainieren kann. Ich frag mich das, weil ich mich frage ob ich noch weiterhin Energie und Zeit da reinstecken kann und will. Die besi meinte letztes Mal dass sie niemals ein wie ein Fels in der Brandung sein wird. Da hab ich mich gefragt ob das wirklich so ist oder ob man das nicht bis dahin trainieren kann.
Ps: beim Unfall hat sie sich vor mir erschrocken und gleich heftig reagiert. War keine bestimmte Situation. Seitdem bleib ich aber ihren Hinterhufen fern  :cheese:
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #6 am: 25. Januar 2021, 15:59:40 »
Wie alt ist dein Muli denn nochmal, und wie lange habt ihr euch schon?

Zur Frage, ob man die Erfahrung gemacht hat, dass bestimmte Dinge untrainierbar sind:
Ich würde sagen, mit meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten ist das Thema Hänger und Fahren bei Frodur nicht wirklich gut trainierbar. Er hat Angst, ich auch (um ihn, weil ich ja weiß, was er machen kann im Hänger), ich habe keinen eigenen Hänger, kein Zugfahrzeug und keinen entsprechenden Führerschein. Wir können immer nur üben, wenn jemand anderes seinen Hänger zur Verfügung stellt und optimalerweise mein Mann dabei ist. So werden wir in nächster Zeit definitiv nicht das Ziel eines entspannt und angstfrei fahrenden Pferdes erreichen.

Ob es generell unerreichbar ist...ich dachte auch mal, das mit dem Einsprühen wird NIE was, und siehe da - Jahre später geht es nun doch.

Also würde ich generell sagen: Ja, mit den passenden Möglichkeiten kann man auch gegen Angst gegenan trainieren.
Das dauert halt nur. Da muss man echt Geduld mitbringen.
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #7 am: 25. Januar 2021, 18:59:57 »
"Etwas" zu trainieren, was neu ist, ist etwas ganz anderes, als "etwas furchteinflößendes" "weg" trainieren zu wollen.

Das Gehirn hat ja mehrere Möglichkeiten, Dinge abzulegen bzw zu verarbeiten. Und Stress- bzw Angsteinflößende Situationen werden direkt ins Angst-Gedächtnis umgeleitet und dort gespeichert. Die Reaktionen darauf können für ein Fluchttier überlebensnotwendig sein, deshalb ist es wichtig, dass diese Entscheidung "Gefahr oder Neu und interessant" sehr schnell passiert.
Wenn nun bestimmte Situationen häufiger aufgetreten sind, oder die generelle Unsicherheit so groß ist, dass dieses Entscheiden fast immer zugunsten des Angst-Weges passiert, muss man nicht nur bei "Adam und Eva" beginnen zu trainieren.
Man muss auch "gegen" den bereits bestehenden und evtl schon gefestigten Reiz-Weg, gegen diese sehr schnelle Daten-Autobahn ankommen.
Du musst also so trainieren, dass das Tier irgendwann die Möglichkeit hat, sich einen Auslöser zu betrachten (willentlich!!!!!!!!) und dann willentlich zu entscheiden, den "anderen" Weg (Betrachten, Annähern, belohnung nehmen) zu nehmen. Und im Idealfall sollte dann mit diesem Auslöser das Erleben immer positiv sein, damit die Datenfahrbahn nicht wieder ins Angstgedächtnis geht.

Dazu braucht es viele Wiederholungen von sehr sehr simplen und grundlegenden Strategien. Und zwar nicht nur "wir üben das mal zweimal pro Woche für 10 Clicks", sondern es braucht tausende.

Ich habe das mit Jack durch"exerziert", was das Thema Peitsche angeht. Er war früher so gestresst durch die Anwesenheit von Gerten und Peitschen, dass er mit beiden Hinterhufen 2 Meter hoch ausgeschlagen hat, wenn er gestresst war. Nicht nach dem Menschen, sondern als Überreaktion - wenn der Mensch aber da zufällig gestanden hätte - ja Pech. Wir haben jahrelang vermieden, hinter ihm zu stehen. Anfassen hinter der Bauchmittellinie war auch nicht angesagt.
Viele sagen dann "ja dann lass doch einfach die Gerte weg, wenn es das Tier so stresst". Das war für mich keine Option, weil das Verhalten einfach gefährlich war.
Ich habe vier Jahre daran trainiert, dass er Gerten und Peitschen akzeptiert, in egal welcher Situation, Berührungen akzeptiert, Druck akzeptiert und verstehen lernt, und ganz ganz viel mit Targets gearbeitet an der Hinterhand, damit er zuerst denken lernt und nicht zuerst haut.
Heute ist das alles gar kein Problem mehr. Aber wenn er mal zufällig noch arg gestresst ist, dann kann es noch mal an die Oberfläche kommen.

Genauso haben wir mit Amadeus seit 3 Jahren seine Besenangst gearbeitet. Zuerst mit Annäherung (Target), das hat ihn aber viel zu sehr gestresst, weil die Situation ja stressig war, er sich aber Futter verdienen wollte. Deshalb sind hier alle informiert, ihn nie zu strafen, wenn er die Ohren anlegt, droht oder sonst welche Dinge macht und zeigt, dass er gestresst ist. Da haben wir also über Gewöhnung und Vertrauen gearbeitet. Und mit uns Mädels geht das auch, aber wenn mein Mann mal blöd herumsteht, wenn Amadeus von Jack gestresst ist, und dann ein Besen oder sowas im Spiel ist, dann würde er auch immer noch direkt treten und beißen (meinen Mann).
Solche Sachen brauchen also teilweise ewig lang.
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #8 am: 25. Januar 2021, 19:05:38 »
Du brauchst also ein super gefestigtes Alternativverhalten, was im Angesicht eines Auslösers dem Tier wichtiger wird als "Stress und weg".

Ken Ramirez, der ehemalige Leiter vom Shedd Aquarium, hat mal gesagt, dass sie so vielfältig mit den Delfinen trainieren, dass, wenn ein Sturm das Dach wegreißt, sie schauen und sagen "Guckt mal, was unsere Menschen sich heute tolles ausgedacht haben".

In dem Sinne ist dann "alles" trainierbar.

Die Frage ist aber auch, ob man alles trainieren muss. Wenn ich ein Feuer-Mittelaltermarkt-Stuntreiter bin und suche ein neues Pferd für die Show, dann würde ich von vornherein eins aussuchen, das Spaß an Abwechslung hat und grundlegend super gechillt ist. Und dann trainieren, dass es neue Reize als nicht gefährlich kennenlernt.
Ich würde nicht ein Pferd nehmen, das ängstlich ist, und versuchen ihm zu erklären, dass alle diese Sachen zu seiner inneren Entspannung beitragen sollen. Das wäre dem Pferd gegenüber nicht fair.
Deshalb ist da für mich die Frage, was "Muss" sein und was ist ein "ich will das aber so".
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #9 am: 25. Januar 2021, 19:17:27 »
Danke für die ausführlichen Beiträge.  :D Das stimmt mich optimistisch!  :dops: Bei uns ist das Problem Geräusche die sie nicht zuordnen kann. Vielleicht wegen den großen Ohren  :lol:

Da denkt sie null nach, sondern reagiert sofort mit Flucht. Kann sie nicht flüchten, greift sie an. Effektmäßig. Sie dreht sich nicht mal um und schaut zuerst. Hauptsächlich immer wenn undefinierte Geräusche hinter ihr sind. Sei es ein Sack der umfällt und ich grade am Hufe auskratzen bin, oder ich in der Box wo sie blitzschnell ausgetreten hat. Sprich ich schau schon immer dass ich nicht in der Schusslinie bin. Es kommt so unerwartet und plötzlich und sie reagiert so mega schnell. Ich find das auch total gefährlich und kann gut nachvollziehen warum du die Gerte mit Jack trainiert hast. Die Datenautobahn find ich super  :lol: Ihre Daten fahren da mit mind. 250kmh in dem moment  :cheese: also müsst ich überlegen wie man das gezielt trainiert. Danke euch! Jetzt bin ich wieder optimistischer :)
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #10 am: 25. Januar 2021, 19:31:49 »
Ja, das mit den Geräuschen kenne ich von meinem Connemara von früher. Wenn der was nicht zuordnen konnte, war er auch mega gestresst.

Hier habe ich mal einen Blogartikel über das Training mit Jack diesbzüglich geschrieben. Da sieht man noch den letzten Rest von dem Verhalten (und ich war sehr froh, dass ich es wenigstens einmal gefilmt bekommen habe  :dops: :dops: )

Wichtig ist zu verstehen, dass so ein Tier nicht "gezielt nach dir" tritt, sondern das Treten ist eine Übersprungshandlung im Affekt. Dennoch kann man das Treten isoliert angehen, um diese Reaktion schon mal ins bewusste Handeln zu bekommen.

Bei Jack habe ich dazu mit Gertenabstreichen gearbeitet (gaaanz viele Clicks für Berührung) und dann nach und nach verschiedene Punkte an der Hinterhand für Targets installiert. Seitlich, hinten am Schweifansatz, auf der Kruppe, am Knie, am Bein.... alles verschiedene Übungen. So dass er irgendwann anfing, nachzudenken, ob das eine Bedeutung haben sollte, oder in den Bereich "beängstigend = Abwehr" hineinfallen würde. Das hat glaub ich ca 2 Jahre gedauert bis ich sagen konnte "Jetzt ist die Hinterhandberührung sicher für uns".
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #11 am: 25. Januar 2021, 19:43:43 »
Ein kleines bisschen OT, aber für deine Frage dennoch passend - kennst du die 4 F's ? Also Fight / Flight / Freeze / Fiddle(Flirt) ? Das sind so die vier grundlegenden Strategien in Stress-Situationen, nicht nur bei Pferden, sondern bei allen Lebewesen. Also "Angriff" / "Flucht" / "Erstarren" / "Herumalbern". Je nach angeborener Disposition (und ja, da spielen auch die Gene schon ein bisschen mit rein) und Lernerfahrungen tendiert jedes Lebewesen durchaus zu einer dieser Strategien stärker als zu anderen.

Ein Vollblut wählt ganz grundsätzlich tendenziell wahrscheinlich eher die Flucht, den beim Leben in der Steppe macht Fliehen mehr Sinn, als Erstarren. Ein Pony was eher aus einem Waldbewohner herstammt, tut sich mit Einfrieren und Tarnen besser, als damit, durchs Unterholz zu preschen... Natürlich zeigt jedes Lebewesen alle diese Strategien abhängig von der Situation und den Möglichkeiten.

Diese grundlegende Veranlagung wird man, denke ich, niemals vollständig weg trainieren können - und da unterschreibe ich auch beim bereits gesagten, da sollte man durchaus auch ehrlich mit sich sein und überlegen, womit man besser umgehen kann. Mir fällt Deeskalieren und Beruhigen um Welten einfacher, als mit einem erstarrten Pferd umzugehen, während andere es sicher hoch schätzen, wenn ihr Pferd im Zweifelsfall "nur" die Beine in den Boden rammt und nicht mehr ansprechbar ist.

Ansonsten gibt es ein schönes Zitat von Bob Bailey: "Jeder kann mit genug Zeit alles trainieren."

Mit der Krümeline habe ich an dem Spritzenthema (und das ist noch weit entfernt von Tierarztkompatibel) 9 Jahre immer wieder mal gearbeitet, bis ich sie selbst in die Brust spritzen konnte. Mit dem heutigen Wissen und wenn ich direkt zu Beginn schon meinen Fokus darauf gelegt (und viele weitere negative Erlebnisse vermieden) hätte, würde es wohl nur einige Wochen brauchen.

Was das Verhalten in Schrecksituationen angeht, gibt es die magische Kombination aus Desensibilisierung und Gegenkonditionierung. Also a) alles was dir einfällt trainieren und immer mit so kleinen Reizen beginnen, dass es keine Überreaktion auslöst + b) alles was dir einfällt mit was positivem verknüpfen. Wie z.B. grad das Sitzbeinhöckertarget bei der Krümeline, die super flinke Hinterbeine hat und auch keine Skrupel, die einzusetzen.

Denn auch wenn Schreckreize vom Gehirn super gut und schnell und generalisiert gelernt werden, gibt es als Gegenspieler die Inhibition - alles was schon mit etwas positivem verknüpft ist oder zumindest bekannt, kann selbst in einer sehr extremen Situation nicht mehr so negativ verknüpft werden, wie ohne diese Vorerfahrung. Deswegen ist es so wichtig, das Tier mit so vielen unterschiedlichen Dingen bekannt zu machen, wie einem nur einfallen kann.

Und dann, so als weitere Säule, steigt die eigene Sicherheit natürlich auch, je besser man im Körpersprache lesen wird. Ich bekomme beim Coaching öfter mal Videos, wo ich mir schon beim Ansehen des Pferdes denke "oooooh, Achtung" während die Wahrnehmung vor Ort eher ein "der chillt da ganz entspannt ist". So ein Pferd würde mich vermutlich also auch nicht mehr so komplett unerwartet erwischen.

>Nicht trainierbar< bedeutet meistens (wenn das Tier prinzipiell körperlich und kognitiv in der Lage ist, das Verhalten zu erlernen), daß man keinen passenden Plan hat, nicht genügend Zeit, einfach keine Priorität in das Training dieses Verhaltens legt oder nicht genügend Erfahrung dafür(>Hilfe holen).

Das bringt es für mich nochmal sehr gut auf den Punkt und führt mich zu, wenn du es möchtest(!) dann könnt ihr sehr viel erreichen. Aber das dauert. Und ob du in diesem Prozess feststellst, dass Spazierengehen und Reiten sehr viel an Priorität verloren haben, dass kann dir vorher auch keiner sagen  :rotw: Bei vielen hier im Forum ist sicherlich letzteres passiert...
LG Tine
Krümeline & Mucki

Ab und zu ist es gut, in unserem Streben nach Glück innezuhalten und einfach glücklich zu sein. ~ Guillaume Apollinaire
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #12 am: 25. Januar 2021, 20:02:02 »
also müsst ich überlegen wie man das gezielt trainiert. Danke euch! Jetzt bin ich wieder optimistischer :)

ich würde das mit einer mobilen Musik-Anlage machen, die fern gesteuert werden kann. Und da dann mittels Datentransfer furchtbare Geräusche aufspielen.

Diese dann abspielen und zwar zuerst so leise, dass KEINE Reaktion kommt = Desensibilisierung, dann langsam lauter werdend. Damit keine Verknüpfung zwischen Griff zur Fernsteuerung und Geräusch entsteht, würde ich die Aufnahmen mit ganz viel "Leerraum" zwischen den Geräuschen machen. Frage ist auch, ob es Reaktionen Deinerseits auf die Geräusche sind, die ihre Reaktion verstärken.

Parallel ein Alternativverhalten trainieren. Wenn Du z.B. möchtest, dass sie schaut, dann würde ich ein "look at that" ganz viel bestärken. Auch hier wieder unterhalb der Stress-Grenze. Aber vielleicht ist ein Kopfsenken praktikabler, denn mit "look at that" kannst Du ja trotzdem bei Geräuschen, die von hinten kommen, eine gefährliche Situation durch das Umdrehen/Umschauen auslösen.

Kopf tief und ausschlagen sollte ziemlich gegensätzlich sein. Vielleicht hilft auch ein Hinterhand-Target, um "vier Füsse auf dem Boden" als lohnenswertes Alternativverhalten zu bestärken.
Sabine
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #13 am: 25. Januar 2021, 20:08:55 »
oh, und mal mit Besitzerin über einen Gesundheits-Check sprechen. Denn es gibt einige Erkrankungen, die Pferde geräuschempfindlicher bzw. schreckhafter machen:

- Borna (augenscheinlich, nach neueren Studien, sind bis zu 60% latent und chronisch infiziert, ohne dass es zu klassischen Ausbrüchen kommt
- Tetanus: schau doch mal in den Impfpass, ob sie kürzlich geimpft wurde
- Borreliose

fallen mir spontan ein.
Sabine
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Re: Gibt es Dinge die nicht trainierbar sind?
« Antwort #14 am: 25. Januar 2021, 20:18:33 »
Tine, da frag ich mich aber wie aus einem schweren Warmblut und einem Esel ein Muli mit Arabernerven rauskommt  :grinwech:

Es ist ja nicht so dass sie immer sofort ausschlägt. Eigentlich nie, weil sie immer vorher versucht zu flüchten. In der Box ging flüchten halt nicht ...
Sie hatte nach dem Vorfall auch lange Angst vor ihrer Box. Also für sie war das genauso ein Schreckmoment wie für mich.

Sie kann sich ja mal erschrecken, da hab ich nichts dagegen. Aber vielleicht in einer etwas nicht so ausartenden Reaktion  :lol:

Ich kann gerne ein Video hochladen von so einem plötzlichen Schreckmoment. Vielleicht kannst du mir da noch was an der Körpersprache sagen? Es kommt für mich manchmal sehr überraschend, naja gut... erschrecken ist ja auch was überraschendes oder?  :lol:

Vielleicht sollte ich dann echt mal mehr mit Geräuschen trainieren. Bei Gegenständen rastet sie ja nicht so aus. Da ist eher freeze angesagt.

Gesundheitlich müssen wir eh mal Blut abnehmen wegen ihrem Augenproblem. Da sind wir noch beim Spritze trainieren. Sie findet halt viele „kleine“ Geräusche (aber auch Gegenstände) furchteinflößend. Das Feuerwerk zu Silvester fand sie draußen auf dem Paddock hingegen unstressig. Lauter Knall im Wald: egal. Leises Flattergeräusch: wir müssen alle sterben. Wie der Elefant der Angst vor Mäusen hat  :lol: und so kleine. Geräusche hat man voll viel draußen   :lol: Aber ja, das ist denk ich die Lösung, gezielt so kleine Geräusche trainieren. Danke euch!

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