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Ein Plädoyer für das Chaos....

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Merle
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Re:Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #15 am: 16. Juli 2012, 10:57:30 »
Ich finde es einfach nur spannend was dabei rauskommt, wenn man Herrn Pony einfach mal machen lässt :lol: das ist auch genau der Grund dafür, dass ich überhaupt mit dem Clickern begonnen habe
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Luke
*

Re:Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #16 am: 16. Juli 2012, 23:54:23 »
 :cheese:
Ja aber er kann auch richtig rüpelig sein  heute noch wollte er meine Freundin nicht aus dem Paddock lassen nachdem sie sich von ihrem Pferd verabschiedet hatte. Sie ist ein Keks Mensch ohne Click ( heißt nicht das ich non stop Clicker aber Pony bekommt nur was wenn ich es für richtig halte und wenn ich vorher eine gegenleistung bekommen hatte, für nix gibt es nix außer den ersten Hallo Keks und den Schlaf schön bis morgen Keks.. bei mir gibts aber fast nur Möhrchen... Freundin hat richtige Leckerlis) und er muß den Kopf wegnehmen wenn ich ihm was reiche (also von mir weg)

Ich habe ihr verboten dem Pony Kekse zu geben wenn ich dabei bin und er nichts dafür gemacht hat (er hat EMS und man muß schon gucken was er bekommt) tja und da baut der sich doch glatt  vor ihr auf wächst um 10 cm an, legt die Ohren an und ruppt an iherer Jacke: Her mit den Keksen , sofort sonst kommste nicht raus.

Ich habe ihn dann scharf seinen Namen gerufen. Pony nimmt die Ohren sofort auf halbmast und lässt sie vorbei. Nase aber total kraus gezogen, man hat ihm richtig angesehen das er das total sch... fand.

Manchmal denke ich er war im letzten Leben ein total verzogener Hund.  Durchs Clickern und spielen wird er aber Kopfmäßg ausgelastet  auch wenn ich merke um so mehr man mit ihm macht um so mehr kommt er auch selbst auf Ideen und wird mutiger (auch wenn das nicht immer gut ist, man muß ja ständig aufpassen das er nicht irgendwelchen Mist baut.)

Geht euch das auch so?
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Mannimen
*

Re:Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #17 am: 17. Juli 2012, 07:33:21 »
Antares wurde auch immer kreativer mit dem was er von sich aus anbot und natürlich war das nicht immer das, was ich mir vorgestellt hatte. Es war für mich jedoch total spannend zu sehen, was er eigentlich so für Ideen hat und wie er was interpretiert. Da wurden auch meine grauen Zellen mächtig aktiviert. Ganz besonders erstaunt war ich darüber, wie wenig er sich am Stück auf eine Sache konzentrieren kann, hatte ich doch im Hinterkopf ein Training für eine ganze Stunde mit ihm zu absolvieren. Schon nach ein paar Minuten konnte ich diesen Gedanken völlig aufgeben, denn er zeigte Übersprungshandlungen und lief auch gerne weg. So gab es mehr Pausen, als das wirklich an was gearbeitet werden konnte und ich begriff, wie sehr ich mich zurücknehmen musste, damit überhaupt etwas sinnvolles daraus entstehen konnte und wie viel freien Raum mein Pferd dazu benötigte.

Was die Situation auf der Weide angeht, so habe ich leider sehr viele negative Erfahrungen damit machen müssen. Ich musste auch erkennen, dass Neid und Missgunst diesen Tieren eben nicht fremd sind. Hier war ich also noch mehr gefragt darauf zu achten, dass kein Pferd in irgend einer Weise von mir ungerecht behandelt wird. Antares steht im Rang sehr weit unten und so darf ich ihn dort einfach auch nicht bevorzugt behandeln. Das führt unweigerlich dazu, dass er Stress mit den rang höheren Tieren bekommt. Und wenn dann auch noch unterschiedliche Umgangsformen mit den Pferden praktiziert werden, geht das gar nicht. Insofern rufe ich ihn immer erst aus der Herde raus und beginne außerhalb der Weide und Sichtweite der anderen Pferde mit ihm so zu arbeiten. Doch selbst das blieb den anderen Tieren nicht verborgen und so bekam Antares sein Fett, sobald er wieder zu ihnen kam. Auch wollten sie ihn dann nicht mehr zu mir gehen lassen, wenn ich kam und versperrten ihm regelrecht den Weg, sodass er sich immer erst frei laufen musste. All das führte dann dazu, dass er auch nicht mehr zurück auf die Weide zu den anderen gehen wollte oder von der Weide ausbrach. Das war eine sehr schwere Zeit und ich konnte ihn nur noch in kleinen Gruppen oder gar nur zu zweit noch unterbringen.

Zum Glück wechseln wir jetzt den Stall und er kommt zu Pferden, die den Umgang mit positiver Verstärkung kennen und kaum noch von Druck geprägt sind. Da erhoffe ich mir ein friedvolleres Miteinander. Dort ist es ja sogar auch möglich direkt auf der Weide ein Pferd alleine zu clickern ohne dass sich die anderen dazwischen drängen etc. Dann wird es auch keinen Neid und Missgunst mehr geben. Und Antares braucht nicht mehr durch die Zäune entfliehen. Futter und Bewegungsmöglichkeiten gibt es dort auch reichlich. Das sind alles Dinge, die da mit rein spielen können. Die Tiere müssen in ihren Grundbedürfnissen erst einmal völlig zufrieden sein, bevor so spezielle Sachen hinzu kommen, denke ich. :nick:
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Engelskind
*

Re:Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #18 am: 14. Dezember 2012, 17:46:17 »
Toller Beitrag  :les:!
Ich clicker nun schön länger und mache eigentlich nicht wirklich spektakuläre Dinge - finde ich.
Am besten finde ich eigentlich, dass ich deutlich weniger aktiv werden muss, je mehr Übung er hat. Wenn ich überlege wie wir das Ballspielen angefangen habe, bin ich erst mal engmaschig dran gewesen. Gestern hab ich Herrn Pony dann mit Ball auf die Weide gestellt und dann mal beobachtet und festgestellt, Pony bwegt sich alleine und holt sich ggf. mal einen Click+Keks ab  :cheese:. Fein!
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Cajus2004
*

Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #19 am: 15. November 2013, 08:42:33 »
Hahahahahaha ,das ist mir fast aus der Seele gesprochen,was hier mache an den Tag legen.
Ich hab einen 9 jährigen,putzigen und ichmachefürfutteralles Friesenmix. Er wird nicht böse oder so,aber spult auf dem Paddock gern alles ab was er schon so gelernt hat...und bei Futtergabe ist er seeeeeehr Aufnahmefähig :cheese:
Ich clicker ihn seit DREI!!!!!!! Tagen.In der Zeit kann er rückwärts übers Paddock rasen,sich drehen,wie ein Brummkreisel und nicken bis der Arzt kommt. Man sieht richtig,wie er überlegt,was er denn noch machen könnte,damit er zu seinem Click und damit zum Fresschen kommt. Schon witzig manchmal,wenn man am anderen Ende des Paddocks abäpfelt und er am Stall steht und sich wie ein Propeller um sich selbst dreht und dann erwartungsvoll in meine Richtung schaut....

Ich bin so begeistert von der Art und Weise des Clickerlernens. Meine beiden Wallache sind mit vollstem Elan dabei.Der Jungspund noch etwas zu energisch :willwill:...aber das bekommen wir sicher auch in den Griff.
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ClaudiStella
*

Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #20 am: 08. Januar 2015, 18:05:03 »
Ein ganz toller Beitrag der meiner schon länger unbewusst sitzenden Frage eine Plattform gibt.  ;)

Seitdem ich also meine 2,5 jährige clickere, hab ich mir auch genau sowas versucht zu Herzen zu nehmen- auch macht es mir total viel Spaß zu sehen wie sie alles mögliche untersucht und dran rumrüsselt . Nur oft frage ich mich, wie ich ihr am besten den oft genannten Rahmen bieten soll, in dem sie sich bewegen kann, um sich nicht zu einem unerzogenem Pferd mit Anhängsel am anderen Ende des Stricks zu entwickeln.
Beispielsweise fing sie wie verrückt an das Holz anzunagen welches zum Anbinden gedacht ist. Ok, ignorieren und loben wenn sie ruhig steht. Das mach ich sowieso regelmäßig beim putzen auch an anderen Anbindestellen ohne Holz. Aber ganz lassen tut sie es nicht. Kann ja auch sein, dass sie einfach dieses Bedürfnis hat- aber ich kann das leider im Aufzuchtsstall nicht durchsetzen, dass die da Holz zum knabbern bekommen. Jetzt komm ich natürlich nur oft in Bedrängnis, wenn die Stallbesitzer bspw sehen dass sie knabbert und ich offensichtlich nichts tu.
Dann ist es auch so, dass ich ihre Neugierde versuche nie auszubremsen und sie alles untersuchen lasse. Das hat dann zur Folge, dass wir bspw fast nicht durch die Stallgasse des anderen Stalltraktes kommen  :tap: :D
Sie rüsselt alles an, die Pinnwand mit allen Blättern (die fliegen dann schon mal), alle Boxen mit ihren Utensilien davor - die bleiben oft auch nicht liegen- WENN ich sie dann nicht doch etwas am Strick zu mir ziehe oder alles mögliche andere.
Vielleicht hört sich die Frage ja komisch an, aber wie ich damit clickertechnisch am besten umgehen soll weiß ich nicht so recht. Früher hätte ich sie ja einfach am Strick festgehalten und garnicht hingelassen.
Wie kann ich meinem Jungpferd mit clickern einen Rahmen vorgeben, der aber nichts mit Zwang/Druck zu tun hat und ich ihr trotzdem das Chaos zugänglich machen kann
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Never Mind
*

Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #21 am: 14. März 2015, 19:18:31 »
Interessanter Gedanke  :)
.. mir ging es längere Zeit ähnlich wie ClaudiStella und der Annagerei .. weiter hat das "selbstständigwerden" dann dazu geführt, dass beim äußert anstrengenden Aufbauen von Sachen am Reitplatz schon alles verwendet vorverwendet und liebevoll wieder "destroyed" wurde, dass beim Aufsteigen plötzlich ein Kompliment oder ein Plié auftauchte oder oder oder.
Prinzipiell finde ich die Entwicklung zur Selbstständigkeit total super - unsere Beziehung ist viel mehr auf eine Ebene gerückt und alleine durch diese Verschiebung hat sich in anderen Bereichen - zB Vertrauen - so viel weiterbewegt! Zum Guten!

Andererseits war dann dieser Rahmen, der erstellt werden musste.  :roll:
Zunächst ging es über in ein "lass das" und daraus resultierte ein hin und her und der ich-versuche-schneller-zu-sein-wie-du Verhaltensablauf - Tiroler halt  :cheese:
Irgendwann hab ich dann angefangen zu pfeifen bzw. einen konkreten Pfiff loszulassen und sobald er das was er grade getan hat gelassen hat gelobt - es war zwar nicht meine Absicht genau das dafür zu verwenden - aber es funktioniert. Der Pfiff ist für uns etwas das ihm (meiner Meinung nach) sagt: Hey, cool was du machst aber bitte nicht grade genau das genau jetzt. Darauffolgend hab ich was eingebaut, dass ihm mit Leichtigkeit eine Belohnung bringt.

Seitdem ist unerwünscht eingebautes Verhallten viel seltener geworden  :cheer: und wenn viel leichter auflösbar.
Außerdem mag ich diese Art der Freitheit irgendwie - wenn mein Partner ne Macke hat dann gehört es doch auch zur Beziehung dazu, dass man den, auch wenn er sich sonst anstrengt, wieder mal zu sagen "hemhem, duuuhuuu.."

So seh ich das jedenfalls  :cheer:

 
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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #22 am: 25. Januar 2016, 20:20:42 »
Ich frag mich grad - und vielleicht hat sich das ja jemand anders vor mir auch schon gefragt und eine Antwort für sich darauf gefunden...wie man beim Clickern die Kreativität und die Ausdrucksstärke des Pferdes mit so Sachen wie der Signalkontrolle vereint? Soll heißen, mache ich mir mit der Signalkontrolle nicht den freien Ausdruck und die Kreativität meines Pferdes und deren Auslebung "kaputt"  ???
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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #23 am: 25. Januar 2016, 21:45:31 »
Hast du mal die Bücher von Karen Pryor gelesen oder vom 100 Dinge mit einer Box gehört? Man kann das Clickertraining ganz wunderbar mit "100% kreativ" Einheiten verbinden und im Training jederzeit intelligente Entscheidungen verstärken, auch ohne Signal.

Signalkontrolle bedeutet nicht, dass das Tier sich ohne Signal nicht verhält, oder dass alles unter Kontrolle ist. Es bedeutet nur eine klare Kommunikation, welches Signal zu welchem verhalten gehört. Dass z.b. das Grasen am Reitplatz unter Signalkontrolle ist, wenn der Mensch gerade gemeinsam mit dem Pferd im Rahmen einer Übung läuft bedeutet nicht, dass das Pferd nicht anfragen kann, dass es eine Graspause möchte, und man dann gemeinsam grasend über den Platz wandert... Verstehst du wie ich es meine?
LG Tine
Krümeline & Mucki

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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #24 am: 26. Januar 2016, 06:30:03 »
Noch nicht ganz, aber ich bekomme eine ungefähre Idee, glaube ich.
Ich glaube, bei uns war vielleicht das "Problem", dass es jetzt eine Weile lang NUR noch C+B für Dinge gab, die ICH IHN gefragt habe. Dinge, die er angeboten hat, hab ich wohl irgendwie total ignoriert  :-[
Aber jetzt haben wir ja letztens auf der Weide endlich wieder zusammen gespielt, und er hatte lustige Ideen, die ich auch gleich geclickt habe, denn ich will nicht die einzige sein, die hier was vorschlagen darf. Und er hat ECHT lustige Idee  :cheese: Nur kam mir dann das Grübeln: Müsste man an sich nach "ordentlicher Clickermanier" dieses neue Verhalten nicht auch unter Signalkontrolle stellen? Das fühlt sich alles irgendwie arg doll kontrolliert an, im Moment ein bisschen wie eine sehr einseitige Kommunikation...ich glaube ich hab es doch noch nicht ganz gut verstanden, magst du es vielleicht noch ein bisschen weiter ausführen?  :rotw:
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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #25 am: 26. Januar 2016, 10:26:16 »
Ok, ich versuche es nochmal. Es sind ja mehrere Faktoren in diesem Zusammenhang interessant.

1) Die Signalkontrolle

Die Signalkontrolle bedeutet, [v.] das Verhalten wird ( [a.] in einem gegebenen Kontext) [b.] auf dieses Signal hin zuverlässig gezeigt, [c.] nur auf dieses Signal hin gezeigt, [d.] nicht ohne dieses Signal gezeigt, [e.] und auf das Signal hin wird kein anderes Verhalten gezeigt.

Nehmen wir mal... das Antraben, und zwar bei der Arbeit am Strick, rund um den Pylonenkreis, das Signal ist ein Doppelschnalzer. Dann haben wir:

[v.] Verhalten: Antraben, innerhalb von 3sec, in Laufrichtung
[a.] Kontext: Laufen um den Pylonenkreis, Halfter und Strick
[b.] Signal: Doppelschnalzer, das Pferd trabt an
[c.] anderes Signal: Pfeifen (Signal für Stehenbleiben), das Pferd trabt nicht an, sondern bleibt stehen
[d.] kein Signal: solange kein Doppelschnalzer kommt, bleibt das Pferd aufmerksam in [Steh/Schritt/Wendung/Galopp]
[e.] falsches Signal: bei einem Doppelschnalzer bleibt das Pferd weder stehen, noch galoppiert es an

Es geht eigentlich im Grunde genommen dabei nur um folgendes:

[v.] Das Pferd kennt & kann das Verhalten
[a.] Das Pferd kennt den Kontext
[b.] Das Pferd kennt das Signal
[c.] Das Pferd kann das Signal von einem anderen Signal unterscheiden
[d.] Das Pferd kann das Signal von den Umgebungsgeräuschen unterscheiden
[e.] Das Pferd kann andere Verhalten von diesem Verhalten unterscheiden

Für den Kontext vielleicht noch ein schönes Beispiel: Jeder von uns hat bedeutet, dass eine rote Ampel anhalten/stehenbleiben bedeutet. Manchmal wird dieses Gebot aber aufgehoben, wenn z.B. die Polizei den Verkehr regelt oder die Ampel offensichtlich ausgefallen ist. Das ändert nicht die Bedeutung des Signals, aber es zeigt, dass dsa Signal nicht im luftleeren Raum existiert, und immer auch die Umgebungsfaktoren berücksichtigt werden müssen.

2) Eigene Vorschläge

Um jetzt beim Beispiel des Antrabens zu bleiben, was mache ich jetzt, wenn das Pferd im Schritt ohne Signal mehrfach antrabt. Ich könnte

a) darauf bestehen, dass wir weiter Schritt gehen (weil es z.B. aufgeregt ist, und sich nur weiter reinsteigern würde)
b) nach dem nächsten Durchparieren das Signal für den Trab geben und weiter am Antraben arbeiten
c) den Pylonenkreis abbauen, das Pferd an die Longe hängen, und es eine Weile im Trab longieren (anderer Kontext, anderes Verhalten)
d) den Strick abmachen, die Pylonen abbauen, und mit dem Pferd gemeinsam im Trab herumflitzen (ohne Doppelschnalzer, weil es trabt eh, und der Kontext ist ein anderer)
e) das Pferd zurück auf den Paddock stellen und dabei bewundern, wie es mit den anderen ein wildes Rennspiel beginnt
f) einen Fußball rausholen, und die Trabmotivation nutzen, dort ein wenig mehr Tempo zu bekommen

Ich kann also, wenn das Pferd das Signal "missachtet" oder "vorwegnimmt" ganz flexibel damit umgehen, je nach Bauchgefühl, eigener Motivation, Vorlieben des Pferdes etc.

3) Kreativität

Und was, wenn das Pferd jetzt ganz eigene Ideen hat? Und z.B. beginnt, Pylonen umzuschubsen, oder nach jeder Runde von sich aus einen Handwechsel einzubauen? Oder Galopp anbietet, ohne dass wir bisher daran gearbeitet haben? Also Dinge, die bisher nicht geübt wurden, die kein Signal haben, oder die evtl. ein Signal haben, und gerade überhaupt nicht gefragt waren? Auch hier können wir wieder vollkommen flexibel reagieren. Wir können:

a) nicht-reaktiv bleiben, sprich, das Verhalten notieren, nicht weiter darauf eingehen und mit dem weiter machen, was wir gerade tun (Langzeitbeobachtung: in welchen Situation tritt es auf, wird es seltener oder häufiger?)
b) das Verhalten aufgreifen und (vor allem wenn es ein Signal hat), daran weiter arbeiten
c) das Verhalten als Verstärker einsetzen (Premack), z.B. für jedes gelungene Antraben eine Pylone umschubsen
d) das Verhalten auch ohne Signal verstärken wenn es auftritt, und sonst weiter nicht drauf eingehen - und für die nächste Einheit die Arbeit an diesem Thema planen
e) den Kontext verändern (z.B. den Strick abmachen), beobachten was das Pferd anbietet, und dieses aufgreifen
f) die Einheit in eine 101 Dinge mit... Einheit umwandeln
g) ...

4) 101 Dinge mit...

Eine Übung aus dem Delphintraining, Karen Pryor. Dabei geht es darum, wie viele Verhalten sich ein Tier einfallen lassen kann, ohne sich zu wiederholen. Für jedes Verhalten gibt es einen Click, und den nächsten Click erst wieder, wenn ein bisher (in dieser Einheit) noch nicht gezeigtes Verhalten auftaucht. Also z.B.:

1. Pylone mit der Nase umstoßen
2. liegende Pylone mit der Nase anstupsen
3. liegende Pylone mit der Nase schieben
4. liegende Pylone anlecken
5. liegende Pylone mit den Zähnen untersuchen
6. in die Spitze der Pylone beißen
7. in den Fuß der Pylone beißen
8. die Pylone mit dem linken Vorderhuf berühren
9. die Pylone mit dem rechten Vorderhuf berühren
10. usw.

Das ist dann eine (im Rahmen) vollkommen freie und kreative Einheit, wo sich das Tier so richtig austoben kann. Aber Achtung, das erfordert wirklich Höchstleistungen von Pferd und Mensch, sich nämlich wirklich alles zu merken und auch drauf zu achten, was alles passiert. Für ein Tier, dass das Konzept nicht langsam gelernt hat, kann das eine ziemlich stressige Geschichte sein, wenn es nicht verstehen kann, wofür es gerade Clicks gibt.

5) Mach was du willst, es gibt für alles Kekse (oder auch nicht)

Auch diesen Ansatz kann man leben, und auf jede einzelne Idee des Pferdes einfach eingehen. Auch wenn es erstmal wiedersprüchlich klingt, wäre das für mich die absolute Königsklasse, was Konzentration, kristallklare Signale und das Wissen um Stresszeichen angeht. Denn wenn man keine "Signalkontrolle" haben möchte, und sich jedes Verhalten des Pferdes (manchmal) lohnt, wird einem das Pferd (ja nach charakter früher oder später) irgendein Verhalten um die Ohren werfen, mit dem man gerade nicht so klar kommt. Rempelhüfttarget oder Steigen bei einer TA-Untersuchung? Den herzhaften Biss in alle herumliegenden Gegenstände? Auf der Koppel verfolgen und von den anderen Pferden abdrängen? Wenn man nicht den Ansatz verfolgen möchte "naja, dann 'unterbinde' ich das halt - durch Anschreien, einen Ruck am Strick, einen Klaps, und all diese lustigen Geschichten" dann sollte man ein sehr genaues Auge dafür haben, welche Übungen in diese Richtung abdriften könnten, und diese entweder nie wieder verstärken, oder eben doch ein [bewusstes] Signal einführen.

Im Gegensatz zu Verhalten, die sich im Lauf von (einigermaßen) strukturierten Trainingseinheiten entwickelt haben, können wir bei diesem Ansatz nie so ganz sicher sein, welche Emotionen ursprünglich mal im Spiel waren, und was wir vllt. so alles mitbestärkt haben. War das Steigen z.B. immer eine Drohung an ein nahestehendes Pferd / uns, und wir haben somit diesen Ansatz der Konfliktlösung in Menschennähe aktiv verstärkt?

[unfassbarerweise ist der Beitrag zu lang, Fortsetzung folgt  :lol:]
LG Tine
Krümeline & Mucki

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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #26 am: 26. Januar 2016, 10:32:03 »
6) Zusammengefasst

Signale (und Signalkontrolle) sind hauptsächlich für eins gut - klare und verstädnliche Kommunikation, bei der sowohl Sender und Empfänger grob wissen, worum es geht. Das nimmt viel Unsicherheit und Stress aus dem Training, und verhindert damit wiederum Übersrpungshandlungen, Frusthandlungen etc.

Mit fortgeschrittener Kommunikation, wenn man sich gut lesen und interpretieren kann, wenn man weiß, wie man im Notfall auch wieder zur Entspannung zurück kommen kann... dann kann man so wild und chaotisch und ungeplant in den Tag hinein leben, wie man das möchte.

Wenn ein Signal in einem Kontext sicher sitzt, bedeutet es noch lange nicht, dass es das in allen anderen Situation auch zwingend muss. Wenn ich über die Koppel laufe brauchen nicht alle Pferde auf einen Doppelschnalzer hin Antraben, sondern sie können machen was sie wollen. Wenn ich mit der Schubkarre laufe möchte ich aber, das jedes einzelne davon mich durchlässt. Ein Signal wird also generalisiert, ein anderes nicht. Auf einen Click hin bekommt manchmal nur mein Pferd einen Keks, und manchmal auch die Umstehenden, je nach Kontext.

7) Ganz persönlich

Die Krümeline hat fast vollkommene "Narrenfreiheit", manchmal grenzgeniale Ideen und manchmal (oft) absoluten Quark im Kopf. Die hat aber das Clickerprinzip so verinnerlicht, dass sie genau weiß, dass es regelmäßig was gibt, und beißt mir nicht den Kopf ab, wenn ich einfach mal eben nichts verstärke. Dann geht sie halt grasen oder durch die Gegend gucken. Mir sind nur einige wenige Sachen wichtig, wie das Aufhalftern können & Decke anziehen können, Führen/gemeinsam am Ziel ankommen, dass sie mir die Futterschüssel nicht aus den Händen reißt, und dass wir durch jedes Tor kommen, sie sich anschließend umdreht und wartet, bis es geschlossen ist. Selbst bei diesen Dingen gibt es Ausnahmen und nichts davon MUSS sie, aber bei denen lege ich grundlegend Wert drauf. Alles andere ist mir (persönlich) ziemlich Banane  :rotw: Trotzdem kennt sie das Prinzip Signalkontrolle und wir haben unendlich viele Signale, da es mir wichtig ist, jederzeit in der Lage sein zu können, ein Verhalten schnell und ohne Stress sauber mit einem Signal verknüpfen zu können. Wer weiß, wann wir es mal wirklich brauchen.

So, das war das Wort zum Dienstag  :cheese:
LG Tine
Krümeline & Mucki

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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #27 am: 26. Januar 2016, 11:04:24 »
Ein ganz großes :danke: , Tine! Du hast das für mich auch nochmal deutlich klarer gemacht :keks:
Liebe Grüße
Anett

Sternschnuppenzeit
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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #28 am: 26. Januar 2016, 12:07:50 »
Super Tine, danke!  :keks: :keks: :keks:
Liebe Grüsse aus Niedersachsen - Fjord Freddy, Muli Ambra, New Forest Pony Asmara & Laura
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Re: Ein Plädoyer für das Chaos....
« Antwort #29 am: 26. Januar 2016, 12:58:13 »
Wow, das ist wirkich eine tolle und ausführliche Erkärung!!!  :keks:
JETZT habe ich glaube ich auch verstanden, was du meinst - vielen vielen vielen lieben Dank für deine Mühe und deine tolle Erklärung!  :hug:
So langsam sortieren sich die Sachen in meinem Kopf und ich kriege eine echte Idee  :nick:

"Signale (und Signalkontrolle) sind hauptsächlich für eins gut - klare und verstädnliche Kommunikation, bei der sowohl Sender und Empfänger grob wissen, worum es geht. Das nimmt viel Unsicherheit und Stress aus dem Training, und verhindert damit wiederum Übersrpungshandlungen, Frusthandlungen etc.

Mit fortgeschrittener Kommunikation, wenn man sich gut lesen und interpretieren kann, wenn man weiß, wie man im Notfall auch wieder zur Entspannung zurück kommen kann... dann kann man so wild und chaotisch und ungeplant in den Tag hinein leben, wie man das möchte."


Diesen Teil finde ich total gut in Worte gefasst, eine sehr gute Zusammenfassung  :nick:
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